An der Endrunde des diesjährigen Schreibwettbewerbs des Gymnasiums Grafing nahmen teil:

Johanna Hofmann, Severin Berger, Lea Bichler, Sinaan Ammar, Margareta Maier, Deborah Irace, Isabell Baacke, Marika Huber, Lisa Hörgstetter und Thomas Hauser.

Das Frühstück der Anni Versaire (Lisa Hörgstetter)

In Endlosschleife rotieren die letzten Worte meiner Mutter: „Und vergiss nicht, dich bei Tante Rosi für das Geburtstagsgeld zu bedanken! Du weißt, wie viel 20 Euro für sie sind, bei der Rente die man heutzutage bekommt kein Wunder. Da ackert man sein Leben lang und dann… Na ja, pass auch dich auf, ja? Und komm uns mal wieder besuchen! Du kommst ja so selten vorbei in letzter Zeit! Eigentlich kommst du ja so gut wie nie vorbei. Opa fragt schon die ganze Zeit nach dir! ...Also, mach’s gut! Tschüüß!“
Morgendliche Muttertelefonate rauben mir wahnsinnig viel Energie. Seit ich vor zwölf Monaten ausgezogen bin, scheinen ihre Muttergefühle stets sonntags zwischen 8.30 Uhr und 9.15 Uhr so erdrückend zu sein, dass sie gar nicht anders kann, als mir ihre Sorge um mein Wohlergehen mitzuteilen.
Meinung meiner Mutter: Kind allein = kein richtiges Essen, durchzechte Nächte und nie genügend Klopapier im Haus. Meine Meinung: Kind allein = genauso wie vorher, nur mit diversen Werbegeschenk-Kaffeetassen statt zusammenpassender Geschirrsets und mit wöchentlichen Anwesenheitskontrolle durch ehemals Erziehungsberechtigte.
Ein penetrant pfeifender Teekessel fordert meine Aufmerksamkeit. Hagebutte, seit 15 Jahren. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Ich würde auch gerne mal wagemutiger sein, aber zwischen „Wellness-Maracuja-Jojoba“ und „Rosenblätter-Minze-Liebestee“, der „die Flügel der Liebe zum Flattern“ bringt, fühle ich mich immer fehl am Platz. Ich will nur Tee und kein neues Liebesleben inklusive Bewusstseinserweiterung! Also: Standart.
Teebeutel färben Wasser hagebuttenrot. Gedanken färben Stimmung hellgrau meliert.

Mama: „Hast du auch noch genügend Tomaten zu Hause? Soll ich dir welche vorbeibringen? So blass wie du bist, solltest du mehr Tomaten essen!“
Nachbarin: „Nächste Woche sind Sie aber wirklich mal mit Treppenhausputzen an der Reihe. Und zwar n bisschen gründlicher als das letzte Mal! Denken Sie nicht, ich bemerk diese Schlamperei nicht!“
Mein Freund: „Immer hast du diese alte Jogginghose an! Das sieht ja nach gar nix aus, langsam glaub ich, dass du gar nicht mehr attraktiv für mich sein willst!“
Cosmopolitan: „Die neue Frühjahrsmode: Elegant, Sexy und Sophisticated! Diese heiß-begehrten Accessoires brauchen Sie, um jedem Mann den Kopf zu verdrehen!“
Mein Gewissen: „Lies mal wieder die Zeitung! Dein politisches Allgemeinwissen ist grauenhaft! Du weißt ja noch nicht einmal, wer gerade Wirtschaftsminister ist!“
Aldi-Reklame: „Nutzen Sie jetzt unser Super-Sonderangebot! Nur diese Woche: 500g Putenfilet für unglaubliche 2,19 €!!“
Einkaufszettel: „Butter und Milch!!!!“

Die Imperative meines Alltags. In den meisten Fällen wahrscheinlich gut gemeint. Sie sollen mich zu einem attraktiveren, erfolgreicheren und rundum besseren Menschen machen. Mich verbessern, mich optimieren, mich pimpen – Es sind Pimperative. Vor meinem geistigen Auge erscheint ein Schwarzer mit Cornrows und Baggypants, der durch den Perlenvorhang mit Bob Marley-Motiv in meine Küche tritt. Lässig und betont langsam bewegt er sich auf mich zu, während sein cooler und leicht gelangweilter Blick – größtmöglicher Ausdruck von Unnahbarkeit – sich mehr und mehr in ein schiefes Lächeln verwandelt. Als er auf meiner Höhe angekommen ist, hebt er seinen Arm – eine Goldkette reflektiert das fahle Küchenlicht – und fokusiert mit Zeigefinger und Daumen den Stoff meines Shirts im Schulterbereich. Kaum hat er danach gegriffen, lässt er den Stoff auch schon zurückschnellen. „You’ve officially been pimped, Baby!“ verkündet er mit breitem amerikanischen Akzent, während ich vor Freude völlig überwältigt beide Daumen in die Kamera recke und aus tiefster Inbrunst kreische.

Oma. „Kind, was willst du denn jetzt später mal machen? Du kannst ja nicht ewig nur rumstudieren! Du musst ja auch mal was Richtiges arbeiten!“
Arzt: „Ihre prozentualer Muskelanteil ist erschreckend niedrig und ihre Blutwerte sind auch nicht gerade ideal. Sie müssen dringend mehr Sport treiben!“
Poster in der Mensa: „Minimiere auch du das Ansteckungsrisiko der Schweinegrippe! Wasche deine Hände mindestens viermal täglich, mit Seife!“
Entfernte Bekannte: „Und vergiss ja nicht den Geburtstag von der Melli nächste Woche!“
Sparkasse: „Um einen Zinssatz von 2,33% weiterhin gewährleisten zu können, müssen Sie Ihren Sparbrief bis spätestens 31.12 verlängern. Suchen Sie hierzu unsere Mitarbeiter in der nächsten Filiale auf.“
Typ in Bar: „Ey Schnecke, schieb mal dein geilen Arsch rüber!“
Rundschreiben Nr. 209: „Der letztmögliche Abgabetermin für die Diplomarbeit ist der 26.04.2010. Bei Überschreiten der Frist kann eine Zulassung zu den Abschlussprüfungen nicht erteilt werden“
Meine Jeans: „Mindestens 3 Kilo zu viel!!! Friss die Hälfte!!“

Das Willkommenheißen afroamerikanischer Rapper in meiner Studentenbude, um meine Bestandaufnahme in den Olymp der Alleskönner zu feiern, entrückt ins Utopische. Diese Anforderungen sind definitiv zu hoch.
Ein mechanisch-schepperndes Toaster-Geräusch kündigt frischen Toast an. Marmelade oder Frischkäse? Pflichten erfüllen oder lieber weiter in den Tag hinein leben? Definitiv Marmelade!
Welch schönes Gefühl von Sicherheit, dass alle anderen wissen, was ich will oder zumindest wollen soll. Ich lehne mich entspannt zurück und lasse sie entscheiden. Um nichts muss ich mich mehr kümmern, ich bin versorgt, denn sie wissen, was das Beste für mich ist. Sie beraten mich ja auch gerne persönlich und gehen auf meine Fragen ganz individuell ein - steht im Prospekt.
Ich bin Anni Versaire.
Was ich kann: Erdbeermarmelade selber kochen, ohne Minderwertigkeitkomplexe alleine ins Kino gehen, und Liebesbriefe schreiben, die zu keinem Augenblick dafür gedacht sind, verschickt zu werden.
Was ich nicht kann: meine Zunge rollen, Zähne putzen, ohne den Badezimmerspiegel mit Zahnpasta zu besprenkeln, und die Dinge selbst in die Hand nehmen.
Was ich gerne könnte: den Zentralcomputer in der Schulbiblothek bedienen.
Steckbrief einer Ahnungslosen. Ich weiß, dass ich nichts weiß. (Der Gedanke kommt mir nicht zum ersten Mal, aber immer mehr wird mir bewusst, dass dies der perfekte Spruch zum Tätowieren lassen ist. Als halbe Ellipse direkt oberhalb des Arschgeweihs: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Die ästhetischste Form der Symbiose aus philosophischer Selbsterkenntnis und 90er-Jahre-Nostalgie.)
Im Prinzip ist es ja unmöglich zu wissen, was man will. Sobald man eine Entscheidung getroffen hat, kann man sie nie mehr 100%ig rückgängig machen, man weiß also nie, ob die andere Möglichkeit einen glücklicher gemacht hätte, wenn auch auf Umwegen. Will ich Möglichkeit A, weil ich gerade denke, dass sie für mich besser ist oder will ich Möglichkeit B, die spontan vielleicht nicht die bessere Option zu sein scheint, mich aber doch glücklich machen kann? Ich kann nicht mit früheren Leben vergleichen, wie soll ich dann wissen, was gut für mich ist, was ich auf lange Dauer wirklich will?
Was ich auf lange Dauer wirklich will: Familie mit 2-3 Kindern, liebevoller Ehemann, Haus mit Garten am Stadtrand, Halbtagsjob.
Spießig? Wahrscheinlich.
Davor will ich aber auch noch: Studentenpartys mit Trampolinen auf Dachterrassen und Bier, das mit Eiswürfeln in Badewannen gekühlt wird; mit einem VW-Bus und Freunden einfach losfahren, ohne zu wissen wohin; in einem Iglu übernachten, und für etwas demonstrieren, hinter dem ich voll und ganz stehe.
Ja, ich bin wahrscheinlich maßlos, auch ein bisschen verlogen. Alles wollen, aber betont ungewollt; spontan soll es sein, Atmosphäre eines Werbespots für Bier-Misch-Getränke. Planung oder gar Ehrgeiz sind peinlich und fehl am Platz. Es muss einfach passen. Nichts erzwingen - treiben lassen.
Aber:
Freiheit - Roter Faden = Orientierungslosigkeit
Müsli:
Milch, Joghurt oder Quark?
Haferflocken, Weizenpops, oder Schokoflakes?
Obst? Wenn ja: Bananen, Äpfel oder Trauben?
Rosinen, Honig? Ja oder Nein? Mit oder ohne Zucker?
Ess- oder Teelöffel?
Und was würde meine Mutter dazu sagen? Geschweige denn Tante Rosi?

„ich kenn currywurst, avocadocreme und merettich
kneipen, häfen, sonnenlicht
asiaten, endlose straßen
und auch brecht
nur dich mein herz
dich kenn ich nicht“ (die sterne)

Danzig (Thomas Hauser)

Geliebter Rudolf.
Es zerreißt mich, dass wir diesen Tag nicht gemeinsam verbringen. Uns verbindet so viel; Der Tag, an dem du mir sagtest, mein Lachen sei perlend wie eine Debussy-Arabeske. Unsere Reise nach Polen, auf der du mir in Danzig die Bernstein-Ohrringe geschenkt hast. Der Efeu, den wir pflanzten. Der so gewachsen ist, dass wahrscheinlich kein Licht mehr in das Küchenfenster fällt. Dein Scheitern, als wir auf einer Nordsee-Düne saßen und ich dir beibringen wollte, wie man den Strandhafer flicht. Das Weihnachten, an dem ich weinte, weil mir der Braten verbrannt ist. Der Streit im Musée D'Orsay, weil du dich nicht von den Postimpressionisten losreißen konntest und ich in die Skulpturengalerie wollte. Unsere kritischen Blicke in den Spiegel, als wir erste Altersflecken und weißes Haar sahen. Unser Entschluss, die Spiegel abzuhängen. Die Art, wie du deine Brille hältst, wenn du nachdenkst. Der Tag, an dem du mir das Geheimnis deines Klavierspiels verraten hast: Augen zu und beim Decrescendo nach links. Das kleine Mädchen, das sich am magischen Brunnen von Montjuïc an mein Bein klammerte
Die weißen Gestalten, die uns umgeben.
Roland, was bleibt von 50 Jahren? Was gehört dir noch, wenn deine Augen sich zurück wenden? Sehen sie noch das "Mädchen mit dem flachsblonden Haar" oder die stille Frau mit den trüben, blauen Augen, zu der ich geworden bin? Du hast mir oft gesagt, du wüsstest nicht, 'welche Töne mir lieb sind', aber ich war nie deine 'Nimmergekommene'. Du hast mich gekannt, wusstest, wer ich bin. Erkanntest, wer ich war. Wirst mich wiedererkennen.
Wann hört man auf, nach vorne zu denken, Rolf? Fühlst du auch die schwarzen, mächtigen Scheuklappen, die sich um dein Gesicht legen? Heute, heute, denke ich nicht an Jetzt, weil es zu sehr schmerzt. Dass es brennt, wie man sagt, stimmt nicht, es vereist. Diese Trennung ist mein Damoklesschwert. Ich fühle, wie ich ohne dich verdörre, wie jede einzelne Pflanze, die in deinem Flügelzimmer stand.
Erinnere dich an unsere Hochzeit, vor einem halben Jahrhundert. Leise und bescheiden wie wir selbst. War es der glücklichste Tag in deinem Leben? Ich weiß nicht mehr, wer du damals warst. Fragmente… wie damals, weißt du noch?
Wo du mir in Danzig die Perlenohrringe gekauft hast, Ralf?
Ich liebe dich.

Liane, mein Herz,
Was ist los mit dir, dass du dich dieser Qual unterziehst? Dass du es dir antust, mir einen Brief zu schreiben, den du niemals beantwortet haben wirst? Was mutest du dir zu?
Ich sehe dich vor mir, wie du an dem dunkelbraunen Eichenschreibtisch sitzt und die Feder auspackst. Deine Finger zittern aber du weißt, dass du mir diesen Brief schreiben willst.
Und ich frage wieder: Was mutest du dir zu?
Nicht umsonst hatte ich als kleiner Junge Angst vor Schelte, wenn ich dich beobachtete; hatte mir Mutter doch unwissend erklärt, das Opa uns „jetzt beobachtet, was auch immer wir tun“. Damals hatte ich noch nicht verstanden was sie meinte.
Aber ich kann dir versichern: Sie hatte Recht.
Ich muss dir zusehen. Du wanderst mühsam durch das alleinstehende Haus. Du hast vergessen, wo dein Schreibtisch steht. Es schmerzt, zu erkennen was aus deinem photographischen Gedächtnis geworden ist. Das Gedächtnis, das uns über Skulpturen streiten ließ, denn damals wusste ich noch nicht, dass du dir Seite für Seite über das Musée D’Orsay in deinen Kopf kopiert hattest, um mich zu beeindrucken.
Du hattest mich doch schon längst gewonnen.
Und mit den Jahren verschwinden die Seiten aus deinem Erinnerungsvermögen und verabschieden sich und reißen unsere gemeinsamen Momente mit sich und gehen klaglos und ohne Abschied in dir verloren. Sie sagten nicht Bescheid und sind einfach weg.
Und du verlierst mich und du verlierst die Orientierung und bist froh als du die Schreiboberfläche wiedererkennst. Sie nennt sich Papier. Und du zückst die Feder und du weißt, dass du diesen Brief schreiben musst, bevor du vergisst was für ein Tag ist.
Vor 50 Jahren, Liane. Vor fünfzig Jahren, haben wir uns das Wort gegeben, uns zu lieben bis dass der Tod uns scheidet.
Ich habe dich genauso grundlos verlassen wie deine Erinnerungen.
Als wäre ich nur eine Erinnerung.
Aber meinst du ich wäre freiwillig gegangen?
Mit unseren Haaren ergraut auch unser Leben und so wie sie ausfallen, verlieren wir einander auch früher oder später.
Mir ist klar, dass ich zu früh gegangen bin.
Aber der Tod verbindet uns durch ein viel festeres Band als das Leben. Was bleibt sind Erinnerungen und die sind unvergesslich. Auf ewig.
Erinnerst du dich an mich meine Liane? Kannst du sie Fühlen? Unsere Verbindung.
Und du beendest ihn. Deinen Brief. Und du riechst etwas. Du beginnst dich aufzurichten und nach deinem Stock zu greifen. Du bewegst dich Richtung Küche und bemerkst, dass dir dein Braten angebrannt ist.
Und dieses Mal bin ich derjenige der weint.
Du trägst die Perlenohrringe, die ich dir in Danzig gekauft habe.
Bis bald. Mein Herz.

Jahrestag (Deborah Irace)

„Hast du die Luftschlangen schon aufgehängt?“ „Hatte ich gerade vor.“ Genervt stieg Anne von einem Stuhl herunter um nach den Luftschlangen zu greifen. „Glaubst du wirklich Magdalena freut sich über die Überraschungsparty?“ „Sicher.“ Anne marschierte mit der Leiter in eine Ecke. Die Leiter kratze am Boden und ihre Schuhe klackerten auf dem Aspalt. Während Klaus die Tische in Reih und Glied schob, war Anne nun mit den Luftschlangen beschäftigt. Mit Mühe klebte sie diese an die Decke. Ob ein leerer Raum im Firmengelände wohl so geeignet für eine Geburtstagsparty war? Wohl kaum. Klaus kam zur Leiter. Sein durchdringender Geruch setzte sich in Annes Nase fest. „Fertig?“ „Ja, Moment.“ Genervt stieg Anne von der Leiter; stolz betrachteten sie den geschmückten Raum: Überall bunte Luftballons, reichlich Tischdeko, Lampignons hingen von der Decke...alles schien perfekt zu sein. „ Passt, oder?“ „Ja, jetzt musst du nur noch Magdalena herlocken.“ „Das werde ich schon schaffen. Ich lasse nur noch schnell die Rollos runter.“ Die Fenster in der Dachschräge wurden verdunkelt. Schnell knipste Anne das Licht an, aber kaum war es an ging es auch schon wieder aus. „Schneint wohl wieder die Sicherung zu sein...ach komm lass uns das wann anders reparieren.“ Im dunklen griff Klaus nach Annes Hand, vermutlich um diese zur Tür zu führen, doch die blockte ab. „Ich hol nur noch schnell meine Tasche, geh du schon mal vor.“ Und Klaus ging vor, er ging zu Tür. Blind suchte Anne ihre Tasche, doch bei dem Versuch, stolperte sie über eine Schachtel und fiel auf den steinharten Boden. „Klaus jetzt warte bitte auf mich, bitte Klausi.“ Anne hörte ihn dennoch zur Tür gehen, vorsichtig schien er einen Schritt vor den andren zu setzen. „Klausi!“ Sie stand auf. Ihre Knie schmerzten. Sie griff nach ihrer Tasche. „Klaus?“ Seine Schritte waren in der Dunkelheit nicht mehr zu hören. Es war vollkommen still.

Mühsam versuchte Anne den Weg zur Tür zu finden. Wo war er nur hin? Sie tastete sich quer durch den Raum bis sie die Tür endlich gefunden hatte. Sie drückte langsam die Türklinke herunter, doch irgendetwas blockierte. „Klaus, das ist nicht lustig, mach endlich die Tür auf, verdammt!“ Sie lauschte einen Moment, doch niemand kam auf sie zu. Mit aller Kraft stemmte sie sich gegen die Tür, aber vergeblich. „Los komm schon!“, schrie sie, „ Klaus!“ Sie durfte doch jetzt bitte nicht verschlossen sein! „Er wird schon bald kommen, sicher holt er nur was…“, murmelte Anne vor sich hin und setzte sich vor die Tür auf den eiskalten Boden. Er wird schon kommen, aber es kam niemand….

Zwei Stunden später. Anne saß immer noch am selben Fleck, sie hatte sich nicht gerührt und starrte ins Leere. Mittlerweile fing sie an daran zu zweifeln, dass er kommen würde. „Aber mein Handy…“ Sie griff in ihre Tasche. Eilig tippte sie die Nummer von Klaus. Aber da war nur ein „Ihr Guthaben beträgt noch 0 Euro und 7 Cent. Bitte laden sie Ihr Guthaben demnächst wieder auf.“ In der Leitung wurde es wieder still. Sieben Cent reichen weder für eine SMS, geschweige denn für einen Anruf. Langsam legte Anne das Handy beiseite. Die Party würde erst in einer Woche stattfinden. Sicher würde sie jemand vermissen, jemand würde sie sicher suchen. Auf der Arbeit würde sie ja auch fehlen, sowas fällt doch auf, oder etwa nicht? Sicher nach zwei Stunden, das muss noch lange nichts heißen, vielleicht dachte ja Klaus sie hätte den Schlüssel und er könnte beruhigt zurück nach Hause fahren? Und außerdem: Magdalena wollte sie heute Abend besuchen kommen. Die würde sich doch auch wundern? Ein Lichtstrahl fiel auf Anne herab. Langsam blinzelte sie dem Sonnenlicht entgegen, nach dem Grund dafür suchend. Das Fenster. Durch einen kleinen Schlitz im Rollo schien die Sonne herein. Anne sprang auf. Das Licht brannte in ihrem Augen wie Feuer, schließlich hatten die sich schon an die Dunkelheit gewöhnt. Sie rannte zum Fenster, doch es war zu weit oben. Sie drehte sich um: In der Ecke stand noch ein Tisch mit der Decko. Mit einer Wucht schmiss sie alles vom Tisch. Sie schob ihn zum Fenster und kletterte hinauf, knapp erreichte sie es. Sie stemmte sich gegen das Roll, dahinter zerbrach das Fenster. Anne riss das Rollo entzwei. Zu Annes Verwunderung war es aber Nacht, woher kam der Lichtstrahl? Vorsichtig zog sie sich hinaus. Alles war stockfinster. Doch dann hörte sie das Klacken der Türe, jemand hatte sie anscheinend geöffnet. „Klaus?“ Sie spähte hinein, stieg schließlich wieder auf den Tisch, hinunter auf den Boden. Niemand war zu sehen, aber ein Schritt war zu hören. Anne schlich um die Ecke, da packte sie etwas am Arm. Sie sah hinauf, es war nicht Klaus. Ein maskierter Mann. „Und? Hab ich doch gutgemacht!“ Anne trat wild um sich. Doch vergebens. „Du entkommst mir nicht!“ Als Anne einen Stich spürte schien alles vorbei zu sein…..

Wie abgemacht, lockte eine Woche später Klaus Magdalena, die über Annes verschwinden irritiert war in Das Firmengelände, wo ihre Freunde schon warteten. Sie schlossen die Tür auf, aber was sie nicht überkam war Partylaune, sondern ein der blanke Horror: In einer Ecke lag Anne, Blut überströhmt. Nun war heute nicht nur Magdalenas Geburtstag, sondern auch Annes Todestag….

Eine ungewöhnliche Geburtstagsfeier (Marika Huber)

Heute, am dritten Oktober, war es wieder so weit: Meine Familie und alle unsere Verwandten waren hier, um den Geburtstag meines Großvaters zu feiern. Soweit ich denken kann wiederholen wir dies Jahr für Jahr.
Wir hatten gerade mit dem Essen begonnen, da sagte mein Großvater plötzlich: „Hier gibt es so viel an guten Speisen. Damals, als wir aus der Tschechoslowakei vertrieben wurden, hatten wir nur wenig davon. Es war für mich zwar sehr schwer, als wir von zu Hause weggingen, doch heute bin ich froh darüber, denn in Deutschland geht es uns viel besser!“
„Wie? Hast du nicht schon immer hier gewohnt?“, fragte ich ihn ganz erstaunt.
„Wusstest du das nicht?“, sagte meine Mutter verwundert, „er ist erst mit acht Jahren nach Deutschland gekommen! Aber wie es damals genau war, weiß ich auch nicht. Wieso erzählst du uns die Geschichte nicht einfach, ich denke wir wollen sie alle hören?“, fragte sie nun an meinen Großvater gewandt. „Ja, erzähl sie uns!“, schrie mein kleiner Bruder dazwischen. Wir mussten ihn eine Weile lang überreden, doch schließlich gab er nach und fing an zu sprechen…

Es war Winter. Alfred war fünf Jahre alt. Er lebte mit seiner Mutter, seinem Bruder Erich und seinen beiden Großvätern auf einem kleinen Bauernhof in Neudorf. Sie besaßen zwei Kühe, mehrere Hühner, Ziegen und Katzen.
Seinen Vater hatte er schon seit zwei Jahren nicht mehr gesehen, das letzte Mal als er auf Heimaturlaub zu ihnen kam. Seit er denken konnte war sein Vater im Krieg gegen Russland. Momentan soll er gerade irgendwo in Polen kämpfen.
Hier im Wald von Neudorf gab es ein Lager für russische Gefangene, zu dem viele Kinder heimlich hingingen, um ihnen Essen zu bringen. Auch Alfred und sein älterer Bruder Erich brachten heute Brot dorthin. „Bloß nicht erwischen lassen!“, mahnte der große Bruder noch einmal, bevor sie aufbrachen. Die deutschen Wachen sahen es gar nicht gern, wenn Kinder hierher kamen. Die beiden schlichen um das Lager herum und gelangten unbemerkt zu den Gefangenen. Diese bedankten sich für das Essen, was die Jungen natürlich nicht verstehen konnten, da sie kein russisch sprachen. Dafür schenkten die Gefangenen ihnen zwei selbstgeschnitzte kleine Holzpferde. Bald machten sie sich wieder auf den Heimweg.

Zwei Jahre später. Es war Mittwoch und eigentlich hätte Alfred heute in der Schule sein müssen, doch das war allen Sudetendeutschen Kindern ab jetzt verboten worden. „Aber warum denn nicht?“, fragte Alfred seine Mutter traurig und enttäuscht, „ich bin doch schon ein Jahr auf dieser Schule, wieso dürfen alle anderen hin und ich nicht?“ „Morgen fahre ich in deine Schule und regle das!“, versprach sie darauf. Den Grund für das Verbot konnte sie ihrem mittlerweile siebenjährigen Sohn allerdings nicht erklären. Der Krieg war so gut wie verloren und die Tschechen wollten keine Deutschen mehr in ihrem Land haben. „Fahr doch einfach stattdessen morgen mit deinem Bruder zum Zahnarzt.“
Am Tag darauf schnappten sich die beiden Jungen ihre Räder und fuhren los. Dort angekommen, wurde ihnen gesagt, sie müssten im Wartezimmer bleiben, da andere Patienten vor ihnen drankommen würden. Man ließ sie fast fünf Stunden warten, bis endlich eine Zahnarzthelferin kam: „Geht jetzt nach Hause! Wir wollen keine Deutschen mehr in unserer Praxis haben!“ Ungläubig machten sich die Geschwister auf den Weg. „Schlechte Nachrichten!“, begrüßte sie ihre Mutter, als sie daheim angekommen waren. „Ich habe mit eurem Direktor gesprochen und er erlaubt nicht, dass ihr an seine Schule zurückkehrt. Aber seid nicht traurig, jetzt habt ihr sehr lange Ferien und könnt machen, was ihr wollt.“, versuchte sie die beiden erfolglos aufzumuntern.
Die Regierung grenzte die Sudetendeutschen immer mehr aus, da sie wusste, dass es ihnen besser ergehen wird, wenn sie sich gegen die Deutschen stellen, sollten Feinde in ihr Land einmarschieren. Allen Bewohnern wurde von nun an verboten, den Hitlergruß zu verwenden, welcher bis dahin üblich war.

Mein Großvater hielt kurze Zeit inne und nahm einen Schluck Wasser.
Ich sah, dass er feuchte Augen hatte. Aber er erzählte weiter.

Im Mai war der Krieg zu Ende. Sie hatten schon lange keinen Brief mehr von ihrem Vater bekommen. Alle machten sich große Sorgen, ob er nicht doch noch in den letzten Wochen gefallen war.
Gestern wurde an der Gemeinde ein Aushang angebracht. Auf diesem stand, dass sich alle deutschen Männer unter 60 Jahren, die nicht im Krieg waren, melden sollten. Diese wurden in ein Lager gebracht, wurden gequält und ausgehungert, manche erschossen. Zum Essen bekamen sie nur einen vermeintlichen Zuckerrübensirup, der in Wahrheit aus Fliegen bestand. Diese Männer sollten als Gegenwehr dienen und die Gemeinde vor dem Einmarsch der Russen schützen. Sie stellten überall Hindernisse auf und verengten die Straßen. Das half natürlich nichts und bald marschierten die russischen Soldaten, und mit ihnen auch tschechische, von Haus zu Haus und nahmen sich alles, was sie wollten. Sie kamen auch zu Alfred und seiner Familie, verlangten Essen und entwendeten Wertgegenstände. Als sie den alten erblindeten Großvater sahen, wollte ein tschechischer Soldat ihn erschießen und zückte seine Pistole. Die ganze Familie verharrte im Schreckzustand. Doch plötzlich schlug ihm einer der Russen die Waffe aus der Hand, die laut scheppernd auf den Boden fiel und sagte, bevor der Soldat diese wieder aufheben konnte: „Das ist doch kein Gegner mehr für uns. Siehst du nicht das er blind ist, wie soll er da noch kämpfen können?“ Schließlich gab der Tscheche nach und sie zogen wieder ab. Alfred war immer noch geschockt. Wieso sind diese Männer so gemein und brutal? Er verstand es nicht, war aber erleichtert, dass seinem Großvater nichts geschehen ist.
Die Russen quartierten sich in der Schule ein und zwangen alle Bewohner, ihnen Essen zu bringen. Also gingen die Kinder jeden Tag los, sammelten Milch und Kartoffeln von den Bauern und brachten diese zur Schule.
Eine Woche später wurde auf dem Pausenhof ein großes Hitlerbild aufgestellt. Alle Bewohner wurden gezwungen sich dort zu versammeln und das Bild mit Steinen zu bewerfen, um zu zeigen, wer ihr meistgehasster Gegner war und wen die Bewohner auch verachten sollten.

Mit der Zeit wurden immer mehr Frauen zu den Russen ins Schulhaus beordert und dort sexuell missbraucht. Aus diesem Grund floh Alfreds Mutter mit ihren Söhnen, wie viele andere Familien auch, in den Wald. Die beiden Jungen verstanden nicht wirklich wieso sie nicht im Haus geblieben waren, sahen es eher als Ausflug, als schöne Abwechslung vom alltäglichen Leben. Unter einem Steinhaufen versteckten sie alle Lebensmittel, das Geschirr und was sie sonst noch mitgenommen hatten. Doch nach vier Tagen wollte Alfred nicht mehr im Wald schlafen und lief weg, zurück zu seinem anderen Großvater. Schon am nächsten Tag traf er auf der Straße einen russischen Soldaten. Dieser fragte den Jungen, wo denn seine Mutter sei. Obwohl er erst sieben Jahre alt war, wusste Alfred sofort, dass er lügen musste: „Es tut mir leid, meine Mutter ist zur Zeit im Krankenhaus. Ich wohne bei meinem Großvater!“ Der Soldat glaubte ihm tatsächlich und ging wieder fort. Trotzdem sah Alfred ein, dass es gefährlich war, hier zu bleiben und er kehrte wieder zu seiner Mutter in den Wald zurück.
Nur zwei Tage später kam der Großvater in den Wald gehetzt, seine Stimme überschlug sich fast beim Sprechen: „Sie wissen, dass ihr hier seid, zu viele Häuser sind unbewohnt. Ihr müsst mit nach Hause kommen! Wer hier erwischt wird, wird sofort erschossen.“ Daraufhin packten sie augenblicklich ihre Sachen und kehrten wieder in ihr Haus zurück.
Tags darauf kamen zwei von Alfreds Cousinen, aus Angst vor den russischen Soldaten, zu ihnen. Sie wollten sich hier verstecken, da sie an einer Hauptstraße wohnten und dort nicht die Möglichkeit dazu hatten. Für die beiden wurde ein Holzstoß gebaut, in dessen Innern sie bleiben mussten. Essen brachte man ihnen. Fast zwei Wochen mussten sie dort verharren.

Dann wurde bekannt, dass den Bewohnern alle Wertgegenstände von den Soldaten abgenommen werden sollen. Doch Alfreds Mutter hatte einen genialen Einfall. Sie packten ihr Geld und andere wichtige Dinge in eine große Kiste, legten sie auf den Hof und warfen erst Heu, dann Mist darüber, so dass es aussah, wie ein gewöhnlicher Misthaufen. Mit dieser Idee riskierte die Familie sehr viel, ihnen war bewusst, dass -sollte die Kiste entdeckt werden- man sofort alle töten würde. Sehr bald standen auch schon Soldaten vor der Tür und wollten das Haus durchsuchen. Als diese nichts Brauchbares gefunden hatten, sprang einer von ihnen verärgert über eben diesen Misthaufen, in dem die Kiste mit den versteckten Wertsachen war. Alfreds Herz stand still. Hatte er die Kiste gefunden? Mussten sie alle sterben? Doch nein, er war knapp daneben gelandet! Enttäuscht zogen die Männer von dannen. Alle atmeten erleichtert auf.

Zwei Wochen später rief die Mutter: „Kommt ihr bitte, ich muss mit euch reden!“ Als beide Söhne in der Küche eintrafen, sahen sie einen offiziell aussehenden Brief auf dem Tisch liegen. In diesem Schreiben der tschechischen Regierung hieß es, dass sie binnen 48 Stunden das Haus zu verlassen haben. Mit einem Pferdefuhrwerk würden sie dann in die Kreisstadt Landskron gebracht werden. Pro Person dürfen nur 20 Kilogramm mitgenommen werden. „Wir fahren weg von hier!“, sagte die Mutter den Kindern, „bitte packt eure Sachen. Nehmt nur das, was ihr unbedingt braucht.“ Am Abend, bevor es losging, verabschiedete sich Alfred noch von seinen jungen Katzen und stellte ihnen eine Schüssel Milch hin. Ihm war nicht bewusst, dass sie nicht mehr zurückkommen würden.
Am nächsten Tag fuhren sie auch schon los. Sie wurden mit anderen Sudetendeutschen in ein Lager gebracht, Alfred, Erich, die Mutter und deren Vater. Der blinde Großvater durfte bleiben, da seine Frau Tschechin war. 14 Tage mussten sie in diesem Lager ausharren, dann wurden sie mit einem Viehwaggonzug nach Bayern gefahren. Alfred fand es in dem Zug schrecklich eng und stickig. Sie mussten auf ihrem wenigen Gepäck schlafen. Noch während der Fahrt starb ein älterer Mann.
Endlich waren sie in Bayern angekommen. Sie wurden in einem kleinen Hotel in Bad Aibling untergebracht. Dessen Speisesaal war notdürftig in ein Lager umgebaut worden. Alfred teilte sich mit seinem Großvater ein kleines Klappbett . Seine Mutter musste in einer Gaststätte in der Nähe des Hotels aushelfen, sie schälte dort die Kartoffeln. Deren Schalen gab es für die Familie abends zum Essen.
Fünf Wochen blieben sie in dem Hotel, dann wurde ihnen ein Zimmer auf einem Bauernhof zugeteilt. Diese Unterkünfte wurden zwangsweise hergegeben, wenn die Besitzer sie nicht unbedingt benötigten. Schon wenige Tage später fuhren sie nach Schmiedhausen zu einer Familie, die schon fünf eigene Kinder hatte. Die Bäuerin schimpfte bereits bei ihrer Ankunft, sie wolle keine fremden Leute aufnehmen. Sie sah sie als Flüchtlinge, nicht als Heimatvertriebene.

„Aber was ist denn jetzt der Unterschied?“, rief mein Bruder dazwischen. „Flüchtlinge sind freiwillig gegangen, Heimatvertriebene wurden gezwungen zu gehen!“, antwortete mein Großvater, „ deshalb war die Bäuerin ja auch so verärgert. Sie dachte wir wären einfach geflohen, weil wir uns ein besseres Leben in Bayern erhofft hatten. Und sie solle ein Zimmer für solche hergeben, die in der Tschechoslowakei bereits ein Haus hatten!“
Mit belegter Stimme sprach er weiter.

Alfred sah sich um. Aus dem Nachbarshaus kam eine Frau gelaufen und rief: „Wo sind denn meine Leute?“ Und als sie sie gefunden hatte: „Ah, da seid ihr ja! Habt ihr schon was gegessen? Ich richte euch gleich etwas her!“ Das ist total unfair, dachte Alfred. Wieso kommen ausgerechnet wir zu so einer. Wir können doch auch nichts dafür, dass wir jetzt hier sind. Hat sie denn gar kein Verständnis für unsere Situation? Es sah nicht danach aus.

Von nun an wohnten sie in einem 16 Quadratmeter großen Zimmer. Alfred fand es hier schrecklich. Die Kinder gingen ab da wieder in die Schule. Ihr Vater wurde für tot erklärt, er soll in den letzten Wochen des Krieges gefallen sein. Sechs Jahre nach der Ankunft in Bayern starb auch sein Großvater. Seither lebt Alfred in Bayern, hat miterlebt wie am neunten November 1989 die Mauer fiel und wie der dritte Oktober, sein Geburtstag, der Tag der deutschen Einheit wurde.

Stille. Er hatte aufgehört zu sprechen. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach…
Wir hatten über das Thema Sudetendeutschland im Geschichtsunterricht gesprochen. Für mich war es zwar interessant gewesen, aber doch alles immer unwirklich, zu weit weg, als das es mich in irgendeiner Art betreffen könnte. Doch es war etwas anderes, die Geschichte von meinem Großvater erzählt zu bekommen, der alles miterlebt hatte, der ohne die Vertreibung aus der Tschechoslowakei nie meine Großmutter kennengelernt hätte, sodass es auch mich nie gegeben hätte. Eigentlich passend, dass er jetzt seinen Geburtstag immer am Tag der deutschen Einheit feiern kann. Aber er hat bereits in seinen ersten acht Lebensjahren so viel erlebt wie viele in ihrem ganzen Leben nicht.

Träume (Sinaan Ammar)

Wenn kalt nun schon der Herbst verrinnt
und Winter sanft zum Träumen stimmt,
so sinnt man nach und denkt sehr tief,
wie viel von ihnen übrig blieb.

Wenn man das Leben stampfen sieht
und braun ein Blatt im Winde fliegt,
so greift man es und denkt sich sacht,
wie schön es blühte noch am Ast.

Wie zart die Adern nun schon sind,
wenn Licht durch seine Risse dringt,
denkt man zurück- der Sommer lacht
und sieht, es grünt in voller Kraft.

Doch wenn das Sommerlicht versiegt
und fern, der letzte Vogel fliegt,
so reißt das Leben dich vom Baum
und kalt verrinnt dein Sommertraum.

Über die Brücke (Severin Berger)

Sein Blick schweifte über den grauen, wolkenverhangenen Himmel. Ein aufkommender Windhauch wehte ihm den nass-kalten Nieselregen ins Gesicht. Seit Tagen zeigte sich der Herbst von seiner scheußlichsten Seite und auch wenn es bis jetzt keine allzu heftigen Regenschauer gegeben hatte, war dies kein Wetter, bei dem man freiwillig das Haus verließ. Doch es war Montagmorgen und auf seinem Weg zur Arbeit war er dem kalten Nass zumindest für eine Weile ausgesetzt.
Raschen Schrittes ging er die Bornholmerstraße entlang, den Regenschirm in der einen, seine Aktentasche in der anderen Hand, und dachte dabei an die ebengehörten Nachrichten zurück. Vor dem Wetterbericht, der auch für die kommenden Tage nichts besseres verhieß, hatte die Sprecherin in Zusammenhang mit dem heutigen Datum, dem neunten November, die offiziellen Feierlichkeiten erwähnt, mit denen an diesem Abend vor dem Brandenburger Tor an den Fall der Berliner Mauer erinnert werden sollte.
Vor dem Brandenburger Tor! Schon als er es gehört hatte, hatte er sich gefragt, warum dieses Ereignis unbedingt dort stattfinden musste. Sicherlich, das Brandenburger Tor war ein bedeutendes Bauwerk und die Mauer war direkt dahinter verlaufen, doch bei einer Länge von über 40 Kilometern gab es noch einige andere Stellen, an denen sie einst die Stadt in Ost und West geteilt hatte.
Zum Beispiel den Grenzübergang Bornholmerstraße an der Bösebrücke, deren Stahlkonstruktion vor ihm aufragte. Wie oft war er schon auf diese Brücke zugegangen? Er wusste es nicht. Aber nie war dieser Weg für ihn, für ein ganzes Land so wichtig gewesen wie an einem Abend im November 1989. Aus Schabowskis schicksalsträchtigem „sofort, unverzüglich“ wäre vielleicht ein „noch lange nicht“ geworden, hätten sich nicht all diese Leute, unter ihnen auch er, vor den Schranken der Grenzübergänge versammelt. Einfache Bürger wie er hatten eine Mauer zu Fall gebracht, die Stadtteile, ein Land und vor allem viele Menschen über Jahre hinweg getrennt hatte.
Und deshalb war für ihn hier, wo an jenem Tag die ersten Leute die DDR verlassen und ihren Weg in die Freiheit angetreten hatten, der richtige Platz, um diesen Jahrestag zu feiern.
Es hatte aufgehört zu regnen und hinter der tristen Wolkendecke kamen sogar ein paar Sonnenstrahlen hervor, die sich in den Pfützen spiegelten. Vor der Brücke blieb er stehen. Betrachtete sie, als wenn er sie noch nie gesehen hätte. Und schließlich überquerte er sie. Seit zwanzig Jahren das erste mal bewusst.

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