Die Brunnerschen Erdkundeexkursionen mit 11. Klassen nach Würzburg sind am Gymnasium Grafing mittlerweile schon eine kleine Tradition. Ganz der Tradition entsprach auch die Tatsache, dass die Klasse 11b, die sich am 22.06.2009 kurz vor Neun am Münchner Bahnhof versammelte, dem verregneten Oberbayern entkam und nach knapp dreistündiger Zugfahrt von deutlich besserem Wetter in der Unterfrankenmetropole begrüßt wurde. Dort stand zunächst die Landesausstellung „Wiederaufbau und Wirtschaftswunder“ in der Würzburger Residenz auf dem Programm. In zwei Gruppen wurde der Klasse durch kompetente Führer von der nahezu vollständigen Zerstörung Würzburgs am 16. März 1945 ausgehend die unmittelbare Nachkriegszeit in der sehr anschaulichen Ausstellung nahe gebracht. Von der Entnazifizierung über das Leben in den Trümmern und unter der Militärverwaltung, die Währungsreform, die Vertriebenenproblematik bis zum Wirtschaftswunder spannt diese Ausstellung einen weiten Bogen, wobei es auch viel Kurioses zu entdecken gab. Zum Abschluss konnten die Schüler an einem Milchpilz mit typischen Getränken aus den 50er ihren Durst stillen oder bei Ausschnitten aus damals beliebten Heimatfilmen ein wenig entspannen.
Auf dem anschließende Weg zur Jugendherberge, die romantisch und für eine stadtgeographische Exkursion strategisch günstig am Fuß der Festung Marienberg liegt, konnte bereits ein erster Eindruck von der Altstadt Würzburgs gewonnen werden. Nach dem Bezug der Zimmer in der Jugendherberge wurde der Festungsberg auch gleich erklommen. Doch weniger die Festungsanlage selbst stand im Mittelpunkt des Interesses, vielmehr bietet sich von dort ein wunderbarer Panoramablick über die Stadt. Nach einem kurzen Überblick über die klimatischen Besonderheiten Würzburg konnte an dem Baumaterial prägnanter Gebäude der Stadt die fränkische Trias mit ihren geologischen Formationen Buntsandstein, Muschelkalk und Keuper aufgezeigt werden. Auch die einzelnen Phasen der Stadtentwicklung lassen sich teilweise noch im heutigen Stadtbild erkennen, so z. B. die erste mittelalterliche Stadtummauerung, die in den Straßenzügen von Neubaustraße, Balthasar-Neumann-Promenade, Theaterstraße und Julius-Promenade auch heute noch die Form einer Bischofsmütze erkennen lässt oder den Verlauf der barocken Stadtbefestigung, die im 19. Jahrhundert geschliffen wurde und heute als Ringpark die grüne Lunge des Zentrums bildet. Erst im Zuge der Stadtentwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg und der zunehmenden Einwohnerzahl wurden verstärkt die Hanglagen für die Erweiterung Würzburgs genutzt. Auch das neue Unigelände am Hubland, der Festung gegenüberliegend und seit den 60er Jahren stetig am wachsen, ist gut zu erkennen; möglicherweise wird dieser Campus für einige der Schüler ja in wenigen Jahren zu einer zweiten Heimat werden. Leider löste dann doch noch ein kleiner Schauer die Gruppe auf, weshalb der Vortrag nur bis zu den 70er Jahren fortschreiten konnte, so dass nun die wasserscheuen Schüler erst aus dem Internet erfahren, dass es sich bei den Hochhäusern, deren Silhouetten sich in südöstlicher Richtung am Horizont abzeichnen, um den Heuchelhof, eine Trabantenstadt aus den 70er Jahren handelt, quasi das „Neuperlach Würzburgs“.
Es ist anzunehmen, dass bei der anschließenden Erkundung der Stadt in Kleingruppen am Abend wohl vornehmlich wirtschaftsgeographische Aspekte im Vordergrund standen.
Nach einem stärkenden Frühstück begann das offizielle Programm am Dienstag für diejenigen Schüler, die übergroßes Heimweh nicht bereits zu einer frühzeitigen Abreise gezwungen hatte, mit einem kleinen Rundgang durch die Innenstadt, wobei nicht zuletzt Frau Freking mit ihren kirchengeschichtlichen und –architektonischen Kenntnissen glänzen konnte.
Diese Stadtführung endete nun schon zum zweiten Mal an der Residenz, wobei diesmal allerdings der barocke Prachtbau, der von 1720 bis 1744 errichtet wurde, im Mittelpunkt des Interesses stand. Beeindrucken ist hier v.a. das Treppenhaus des Architekten Balthasar Neumann, dessen freitragendes Gewölbe durch das imposante Deckenfresko G. B. Tiepolos gekrönt wird. Dieses weist nun wiederum einen engeren Bezug zur Geographie auf, stellt es doch die vier damals bekannten Erdteile dar. Ein Blick auf zahlreiche Details zeigt dabei, dass der Künstler und seine Helfer teilweise geringe Sachkenntnisse über Amerika, Afrika und Asien mit viel Phantasie wettgemacht haben. Auch im Kaisersaal, der nach mehrjährigen Restaurationsarbeiten erst seit wenigen Wochen wieder in vollem Glanz zu besichtigen ist, ergänzen sich Neumanns Architektur und Tiepolos Kunst auf beeindruckende Weise.
Nach diesem Eintauchen in das Barockzeitalter näherte sich die Gruppe um die Mittagszeit dem Bahnhof. Allerdings stand noch nicht die Heimfahrt an, denn natürlich kann ein Thema bei dieser Exkursion nicht ausgeklammert werden, da die Stadt im Norden von eindrucksvollen Weinbergen begrenzt wird. Ziel war deshalb nun die nordwestlich vom Bahnhof gelegene Lage „Würzburger Stein“. Unter der engagierten und sachkundigen Führung von Herrn Joe Schmitt, Winzer im Juliusspital, durchstreifte die Klasse die Weinberge und erfuhr viel Wissenswertes über diese Sonderkultur, angefangen von den geologischen und klimatischen Aspekten, über die zahlreichen im Jahresverlauf zu verrichtenden Arbeiten, die wirtschaftliche Bedeutung des Weinbaus in Franken, bis hin zu den unterschiedlichen Rebsorten. Dabei konnte zudem an diesem Nachmittag eine Vielzahl unterschiedlichster Maschinen im Einsatz beobachtet werden, so dass deutlich wurde, dass auch im Weinbau trotz der zahlreichen Tätigkeiten, die immer noch ganz traditionell von Hand verrichtet werden müssen, auch schon ein gewisser Mechanisierungsgrad erreicht ist. Dass das Thema Weinbau nicht nur in der grauen Theorie betrachtet werden konnte, dafür sorgte Herr Schmidt schließlich mit einer Probe des Endproduktes.
So für die Heimreise gestärkt trat die Exkursionsgruppe am Nachmittag den Rückweg zum Bahnhof an und erreicht gegen Abend wieder die verregnete oberbayrische Heimat.
Bleibt zu hoffen, dass neben den unterschiedlichen geographischen und historischen Facetten, welche die Stadt zu bieten hat, die Exkursionsteilnehmer auch ein wenig nachvollziehen können, was einst der Dichter Josef Hofmiller schrieb: „Würzburg ist fröhlich. Es gehört zu jenen Städten, deren bloßer Name die Vorstellung strahlender Heiterkeit erweckt und das Herz schneller schlagen lässt.“
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