Die Referenten der Tagung
Prof. Dr. Nida Rümelin, Ordinarius für politische Theorie und Philosophie an der LMU München, studierte Philosophie und Physik in München und Tübingen und promovierte 1983 in Philosophie; die Habilitation folgte 1989. Nach einer Gastprofessur in den USA wurde er 1991 auf den Lehrstuhl für Ethik in den Biowissenschaften in Tübingen berufen, 1993 auf den für Philosophie an der Universität Göttingen.Zwischen 1998 und 2000 war Kulturreferent der Landeshauptstadt München und wurde 2001 von Bundeskanzler Schröder als Kulturstaatsminister ins Kabinett berufen. 2002 wandte er sich wieder der akademischen Lehre zu.
Er hat zahlreiche Ehrenämter inne und ist Mitglied mehrerer Akademien; er hat 14 Bücher und über 150 wissenschaftliche Aufsätze verfasst.
Professor Nida-Rümelin spricht, und damit gibt er der Tagung einen grundsätzlichen Impuls, über Bildung in einem übergreifenden Sinn: Wie viel Bildung und welche Bildung braucht der Mensch über Trends und Nützlichkeitserwägungen hinaus?
Dr. Harald Parigger, Direktor des Gymnasiums Grafing, geht in seiner Einführung auf die aktuelle Bildungsdiskussion ein, die weder den Vorzügen noch den Schwächen des bayerischen Schulsystems genügend gerecht werde, sondern, z.B. in Gestalt einer bloßen Strukturdebatte, oft genug zum üblichen Gefecht verschiedener Interessengruppen verkommen sei. Er befürchtet, dass darüber das zentrale Anliegen ins Hintertreffen gerate, nämlich allen Kindern im Rahmen ihrer Möglichkeiten eine umfassende Bildung zu vermitteln, die sie nicht nur in die Lage versetzt, einen ihren Fähigkeiten entsprechenden Beruf zu ergreifen, sondern auch, ihr Leben sinnerfüllt zu gestalten. Er erhofft sich für die Tagung wichtige Impulse für die künftige Bildungsarbeit in Bayern.
Dr. Josef Amann, Leiter der Abteilung Berufsbildung der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern, legt Wert auf die Feststellung, dass die Bildungsanstrengungen der Wirtschaft sich keineswegs auf Anforderungen des Arbeitsmarkts und des Arbeitsplatzes beschränkten, sondern dass vielmehr der ganze Mensch im Mittelpunkt stehe: Es gehe um nicht mehr und nicht weniger als um die Fähigkeit, sich in komplexen und manchmal auch komplizierten Lebenszusammenhängen sicher bewegen zu können.
Michael Krauß, in leitender Funktion in der Personalentwicklung der HUK Coburg tätig, erläutert die Anforderungen, die an junge Berufsanfänger aus der Sicht eines bedeutenden Versicherungsdienstleisters gestellt werden müssen. Er wünscht sich eine engere Vernetzung von Schulen und berufsbildenden Institutionen, in dem Sinn, dass die zu vermittelnden Schlüsselqualifikationen abgeglichen werden. Er betont, dass, da Wirtschaft und Arbeit Teile des Lebens seien, Kenntnisse über die Wirtschaft im Sinn des Grundsatzes „nicht für die Schule, für das Leben lernen wir“, unerlässlich seien.
Fadi Krikor, Geschäftsführer einer der führenden Bauträger- und Investmentgesellschaften im Münchner Osten, erläutert die Anforderungen, die ein mittelständischer Betrieb an Berufsanfänger unterschiedlicher Ausbildungsrichtungen und -ebenen stellt. Ihm ist es wichtig, dass nicht nur die fachliche Qualifikation stimmt, sondern dass sich junge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch in den Bereichen Fairness, Teamfähigkeit, Sozialverhalten und im Engagement für andere bewähren.
Werner Honal, Vorsitzender der Stiftung Gymnasium, Studium und Beruf, äußert sich zum Phänomen der „Akademisierung“ der Gesellschaft. So erfreulich es sei, dass immer mehr junge Menschen einen höheren Bildungsabschluss anstrebten, müssten auch die Schattenseiten gesehen werden: Es bestünden in akademischen Berufsfeldern wie zum Beispiel dem der Lehrer, der Juristen oder der Ingenieure, nebeneinander Überschüsse und Mängel, was dramatische Folgen zeitige. Im Übergang von der (Aus-) Bildung zu einer angemessenen Beschäftigung existiere ein erheblicher Aufklärungsbedarf; Honal schlägt gezielte Maßnahmen vor, um Fehlentwicklungen einzudämmen, er rät, Stärken zu entwickeln und lieber rechtzeitig alternative Wege zu wählen.
Dr. Susanne Betz, Redakteurin im Ressort Innenpolitik des Bayerischen Rundfunks, setzt sich mit den Anforderungen auseinander, die an eine Schule im 21. Jahrhundert zu stellen sind. Der dramatische gesellschaftliche Wandel in den vergangenen Jahren, der eine steigende Zahl von Alleinerziehenden und von berufstätigen Müttern mit sich gebracht habe, weise den Schulen veränderte bzw. erweiterte Aufgaben zu, die weit über die der Bildungsvermittlung hinausgingen: Die Schule rücke zunehmend in den Lebensmittelpunkt eines Heranwachsenden. In ihr müsse Stabilität und Orientierung erfahrbar werden, weil dies in vielen Familien nicht mehr ausreichend geleistet werden könne. Auf diese Herausforderungen müssten die Schulen reagieren.
Jürgen Wunderlich, soeben gewählter Vorsitzender des Verbands der Lehrer an beruflichen Schulen in Bayern, plädiert für die Notwendigkeit eines offenen Bildungssystems. Hier ist in der jüngsten Vergangenheit bereits viel geschehen, man denke etwa an den M-Zug der Hauptschulen oder die bereits jetzt, kurz nach der Erprobungsphase, zum großen Erfolg gewordene „FOS 13“.
In drei Gesprächskreisen werden nach jeweils einem kurzen Impulsreferat wichtige Problemfelder der Schulen diskutiert: Schnittstelle vierte Grundschulklasse, Gemeinschaftsschule oder gegliedertes Schulsystem, Lehrerausbildung.Max Schmidt, Kollegstufenbetreuer am Gymnasium Grafing und Vorsitzender des Bayerischen Philologenverbands: Eine möglichst optimale individuelle Förderung wird in allen Schul- und Bildungssystemen letztendlich durch eine Verteilung in spezifische Lerngruppen realisiert. Die dabei notwendigen Übergänge beinhalten Gefahren, aber auch Chancen. Im Mittelpunkt des Gespräches soll die Gestaltung des Übergangs in der Mitte des bayerischen Schulsystems von der Grundschule in die weiterführenden Schularten stehen.
Gerhard Dittmann, Direktor des Franz-Marc-Gymnasiums Markt Schwaben: Die Frage, welche Schule die richtige für ein Kind ist, erschöpft sich allzu oft in einer reinen Schulstrukturdiskussion. Diese Diskussion, die auch in Bayern seit Jahrzehnten geführt wird, verstellt manchmal den Blick darauf, was innerhalb bestehender Strukturen getan werden kann, damit jedes Kind einen begabungs- und neigungsgerecht optimalen Schulabschluss erreichen kann. Der Arbeitskreis wird sich hier von der schulischen Praxis her auf die Suche begeben.
Dr. Harald Parigger: Die unterschiedlichen Forderungen an die Lehrerausbildung ergeben nachgerade die Quadratur des Kreises: Sie soll weniger lang dauern, fachwissenschaftlich keinerlei Abstriche, eher noch eine Vertiefung erfahren, im pädagogischen, psychologischen und unterrichtspraktischen Bereich erheblich ausgeweitet werden und obendrein dem Lehrernachwuchs durch ein Betriebspraktikum noch einen Blick über die Mauern der Schule hinaus ermöglichen.Früher als bisher soll darüber hinaus neben der fachlichen die pädagogische Eignung geprüft werden.
Jede dieser Forderungen ist für sich berechtigt; die Frage indes bleibt, wie sie sich zu einer Ausbildungsordnung bündeln lassen. Impulsreferat und Gespräch sollen, ohne zunächst auf äußere Hindernisse Rücksicht zu nehmen, das Modell einer möglichst effektiven Lehrerausbildung skizzieren.
Walter Gremm, Ministerialdirigent und Leiter der Gymnasialabteilung des Kultusministeriums, befasst sich mit dem Bildungs- und dem gesellschaftlichen Auftrag des Gymnasiums. Die Bedeutung von Bildungsabschlüssen steige, da in einer wettbewerbsorientierten Gesellschaft Qualität in stärkerem Maß an der Zahl der Abiturzeugnisse gemessen werde. So stehe dem Ideal einer zweckfreien Bildung und Persönlichkeitsentfaltung die Vorstellung messbarer Bildungsstandards und das Brauchbarkeitsdenken gegenüber. So komme es zu Konflikten zwischen dem Selbstverständnis des Gymnasiums und der dort Lehrenden einer- und den Erwartungen und Hoffnungen der Schüler/innen und deren Eltern andererseits. In diesem Kontext wird der Frage unter Berücksichtigung der aktuellen bayerischen Entwicklung nachgegangen, wie viel und welche „Elite“ das Gymnasium versammeln soll.
Peter Peltzer, Ministerialbeauftragter für die Realschulen in Oberfranken, betont in seinem Plädoyer für die bayerische Realschule, dass der Mittelstand, der Motor der erfolgreichen Wirtschaftsentwicklung in Bayern, besonders auf qualifizierte Facharbeiter angewiesen sei, die vor allem aus dem „Mittelstand im bayerischen Schulwesen“, der Realschule kämen. Die Realschule bereite aufgrund ihrer differenzierten Fächerangebote junge Menschen in besonderer Weise auf die steigenden Anforderungen der Mittelstandsbetriebe vor. Er fordert, die Realschule in ihrer Leistungsfähigkeit weiter auszubauen und in ihr die Grundlagen für eine lebenslange Aus- und Fortbildungsbereitschaft zu schaffen.
Michael Kugler, Konrektor und Mitarbeiter in der Hauptschulabteilung des Kultusministeriums, ist als Fachmann für Schulentwicklung besonders mit der in der vergangenen Legislaturperiode ins Leben gerufenen Hauptschulinitiative befasst. Er setzt sich für den Erhalt der Hauptschule als Vermittlerin einer soliden Grundbildung ein, die gleichzeitig – über den M-Zweig und andere Fördermaßnahmen – den Aufstieg in weiterführende Bildungsabschlüsse ermögliche und sich insbesondere auch der Förderung von Spätentwicklern und Kindern aus benachteiligten Schichten widmen könne und solle; er verweist in diesem Zusammenhang auch auf das geplante flächendeckende Ganztagsangebot.Willi Lederer, Leiter des Zentralbereichs Personal- und Organisationsentwicklung der Schörghuber-Stiftung, verfügt als ehemaliger Geschäftsführer des Lehrgangs für Verwaltungsführung in der Bayerischen Staatskanzlei über reiche Erfahrungen in der Eliteförderung. Er plädiert dafür, junge Menschen zu fordern und ihre Leistungsfähigkeit und -bereitschaft nicht zu unterschätzen. Oft genug würden Schüler/innen auch unterfordert, was für eine Gesellschaft, die in der Weltelite mithalten wolle, fatale Folgen habe.
Der Abschluss der Tagung ist ebenso lehrreich wie vergnüglich: Der bundesweit bekannte Kabarettist Piano-Paul alias Dr. Dietrich Paul, begnadeter Mathematiker wie furioser Pianist gleichermaßen, nimmt in seinem Programm „Pisa Bach Pythagoras“ unsere intellektuelle Faulheit gnadenlos aufs Korn und zeigt uns, dass nichts mehr Spaß macht als das, was uns vom lieben Vieh.
Die örtliche Presse zu unserer Bildungstagung
SZ vom 18.11.2008
SZ vom 20.11.2008
MM vom 20.11.2008