Dort Draußen tobt ein Sturm

I. Lager

Unentdeckt verschwinden
Wie im Traum!
Schließ die Augen,
Gehe durch den Qualm.
Keine Heimat,
kein Zuhaus
Durch jede Tür,
Geht’s hinaus!

Milton: Glaubst du, dass du sie wieder siehst?
Jamal: Sie ist im siebten Monat…Ich werde es wohl nicht mehr mitkriegen!
Ich vermisse mein Leben. Die Schulden, diese gottverdammte, verfallene Gegend, die Jugendlichen die es noch nicht begriffen haben, dass ihre Zukunft nichts mehr als dies hier bietet. Sand und Blut, Tag für Tag. Was trieb mich bloß dazu?!
Milton: Verzweiflung?
Jamal: …all die Männer die an meiner Waffe starben…
Milton: Übermut?
Jamal: Hoffnung. Die aller letzte um meiner Familie eine bessere Zukunft, als die einer Zweizimmerwohnung, nicht bezahlter Rechnungen, auswegsloser Arbeitslosigkeit und Verachtung, bieten zu können. Etwas schaffen. Ich bin bestimmt nicht der Einzige mit diesen Gründen. Und was nun… jetzt müssen unsere Söhne ohne einen Vater aufwachsen, in zehn Jahren vor einen leeren Grab stehen und ihn dafür verfluchen. Dafür verfluchen, dass er seine Familie im Stich lies. Ich sah den Tot schon viel zu oft vor meinen Augen.
Milton: Die Jahre vergehen
Neue Zeiten entstehen
Doch die Namen der Helden
Werden immer bestehen

Verstehst du das nicht Jamal? Du kämpfst auch für deine Familie, für die Menschen die du liebst, für eine ganze Nation und für ein Ideal hinter dem Millionen von Menschen stehen! Die Gerechtigkeit Jamal! Die Freiheit! Wir werden nicht als Versager sterben! Als Helden, als Helden werden wir enden!
Jamal: Helden?! Für die dort oben sind wir eine Masse und bleiben stets nur eine Zahl. Ich höre schon die Nachrichten, die ihren täglichen Bericht über ein Dutzend toter Männer senden. Wir werden nur zu den anderen Tausenden von Toten und nicht zu den Tausenden, die für ein „Ideal“ tragisch gestorbenen Soldaten, dazugezählt.
STILLE…
Anfangs ließ ich mich auch von diesen „Idealen“ anstecken… In die weite Welt reisen, um „Falschdenkenden“ durch die Überzeugungskraft meiner Munition zum wahren Erkenntnis zu zwingen? Mein lieber Milton wir schossen gestern auf Zivilisten! Und zwar nur weil wir den Befehl dazu erhielten… Ich glaube nicht, dass man solch eine Tat als heldenhaft bezeichnen darf!


II. Aufmarsch

Sonne, Wolken,
Farben, Schatten!
Sind nicht mehr da!
Die Welt bekleidend.
Die Augen leer.
An einen Punkt gefesselt!
Sie sehen nichts!
Spiegeln das Leiden!

Jamal: Wer wartet auf dich zuhause Milton?
Milton: Niemand!
Ich bin alleine Jamal! Schon ein ganzes Leben lang.
Jamal: Was ist mit deiner Familie, deiner Heimat?
Milton: Ich habe keine? Meine Eltern ließen mich zurück. Ich wuchs im Internat auf. Nicht gerade eines der Besten. Jeder Tag war ein einziger Kampf! Mit dem achtzehnten Lebensjahr ging ich fort und meldete mich bei der Army. Hier gab man mir ein Zuhause und das Gefühl Jemand zu sein.
Jamal ich kam hier freiwillig. Ich weiß, dass es kein Zurück geben wird. Ich bin hier weil mich mein Land braucht!
Jamal: Und was gab dir dieses Land als du Hilfe gebraucht hast? Einen sicheren Tod…. Sand und Blut….Tag für Tag!!

III. Graben

Jamal: Hast du noch Munition?
Milton: Nein! Alles verschossen!
Jamal: Milton? Obwohl die Zeit unpassend ist wollt ich dir nur sagen, dass du meine
Familie besuchen sollst, falls du zurückkehrst!
Milton: Wieso bist du eigentlich so sicher, dass du nicht zurück kommst? Bereits als wir
ankamen warst du schon der Überzeugung!
Jamal: Weil ich es nicht mehr aushalte! Ob hier im Graben oder am offenen Feld. Ob im
fernen Lande oder Zuhause. Wenn ich die Augen zu oder auf mache. Es stürmt
überall. Und es hat nicht vor aufzuhören!
Ich werde mit den anderen im Vormarsch gehen!
Aufwidersehen Milton!

Dieser Ort kommt mir
So bekannt vor
So scheint’s, schon tausend Male
Hier Verweilt zu sein
Die Selben Menschen,
Nur andere Gesichter!
Die Selben Lieder,
In neuer Stimme!

Wo auch immer ich mich hindrehe
Wegrenn’ oder verbleib.
Es bleibt beim Selben
Das Leben ist ein Unwetter!
Denn ich sehe sie fallen, fallen, fallen
Und ich folge ihnen…
Dort draußen tobt ein Sturm!

(Kaloyan Lyubomirov)

Sturm wallend innerlich

Höre den Sturm
Wie er bläst mit Gewalt
Ästerne Spinnen rauschen
Am Boden
Blätter tanzen zerspringende
Wirbel

Sieh wie er seine Kräfte ballt
Kannst wie nie den Winden lauschen
Wirft umher mit allem Leben

Und doch so zart
Von Kraft umgeben

Lass dich fallen
Lass dich tragen
Musst nach keiner Münze fragen
Deine Kleider wallen
Ungestüm

Bist geboren
Bist bereit
Bist von allem
Längst befreit

Ein Schritt nach vorn
Nur einer noch

Du stehst am Rand
Den Blick so fern
Der Abgrund zieht
Spürt dein Begehren

Lass dich fallen
Lass dich tragen
Brauchst nie mehr zu stehen
Bist geborgen
Bist geschützt
All das Leid nie mehr zu sehen

Voll Erlösung stehst du da
Blickst mach vorn
Und gehst zurück

(Anna Renner)

Sturm

So bin ich in der letzten Nacht,
Gar schweißgebadet aufgewacht,
Ich hatte einen bösen Traum,
Er möge einer bleiben…

Es war ein schöner Sommertag,
Ich lag, wie immer, unter dir,
Weil ich den kühlen Schatten mag,
Den du so gütig wirfst.

Am Himmel zieht ein Wetter auf,
So lauf ich schnell noch heim.
Der Himmel sieht gar wütend aus,
Er schnauft und zischt gemein.

Ich hab das sichre Haus erreicht,
Erleichtert tret ich ein.
Jetzt kann es toben, wie es mag,
Hier werd ich sicher sein.

Doch draußen will die Höllenbrunst noch lang kein Ende nehmen.

Sie rütteln und sie reißen.
Sie schütteln und sie schmeißen.
Und wirbeln unsre ganze Welt umher,
Als gäbs kein morgen mehr.

Und als wir Menschen nun den Blick nach draußen wagen,
Da hört man bald Gezeter und bald Klagen.
Denn was wir sehen erschreckt uns sehr,
Es gibt keine Tiere, keine Felder mehr.

Menschheit:

Oh warum, du verdammter Sturm?
Mit welchem Recht zerstörst du unsre Leben?
Aus welchem Bestreben?
Aus welchem Grund?
Wer bist du, dass du uns bestrafst?
Wer bist du, dass du so was darfst?

Oh, ihr verdammten Narren!
Ihr solltet vor eure Füße starren!
Dort findet ihr des schuldigen Gesicht.

Menschen:

Aber in der Pfütze, das bin ja ich,
Das ist ja mein Gesicht!
Und meins!
Und meins!
Und meins dazu!

Sturm:

Die Einsicht, sie kommt reichlich spät,
Nun erntet ihr, was ihr gesät.

Die Erde ist euch überdrüssig,
Sie hält euch nun für überflüssig,
Nach all dem, was ihr, ihr angetan,
Schmiedete sie einen kühnen Plan,
Einen Plan, um euch loszuwerden,
Der Plan lautet: Ihr müsst sterben!

Ihr habt doch einen Gott, der euch vergibt,
Einen Gott , der euch so liebt,
Der euch eure Schuld verzeihen kann,
Was für ein bewundernswerter Mann.

In seinem Garten Eden,
Lässt´s sich so schlecht nicht leben.
Dort könnt ihr sicher bleiben,
Hier muss ich euch vertreiben.

Und so verschwindet die Menschheit vom Planeten,
Ihre Häuser verfallen,
Ihre Worte verhallen,
Ganz so, als hät´s sie nie gegeben

(Lea Bichler)