Der Stapellauf eines Schulschiffs

Soviel scheint sicher: Die Damen und Herren aus der Schulleitung des Gymnasiums Grafing, aus dem Lehrerkollegium, dem Elternbeirat und dem Förderverein der Schule, aus den Reihen der hiesigen Politik und der Wirtschaft haben sich ganz offensichtlich intensiv der Lektüre von Schillers 'Tell' gewidmet, ehe sie in Bewegung brachten, was gewiss als einmaliges Projekt gelten darf, ohne Vorbild und ohne dass es etwas Vergleichbares gibt in der gegenwärtigen Schullandschaft Bayerns. Die zwei Jahre früher mögliche Einweihung des Erweiterungsbaus des Gymnasiums geht auf eine beispiellose Initiative, eine umfassend angelegte, entschlossen durchgeführte und letztlich sehr erfolgreiche Spendenaktion zurück, mit deren Hilfe die Finanzierung des 5,6-Millionen-Projekts in Zeiten massiver Finanznot sichergestellt worden war. Der Erkenntnis "Es wird mir eng im weiten Tal!" folgte die mit Nachdruck hervorgebrachte Aufforderung "Seid einig - einig - einig!", und es gehört nicht viel Phantasie dazu sich vorzustellen, wie die oben genannten Damen und Herren sich des Nachts Laternen und Fackeln tragend wiederholt auf den Weg zu jener berühmten (Sitzungs?) Wiese gemacht haben, vorbei an gefährlichen Steigen, Felssprüngen und Haushaltslöchern, um eine verdiente Sache zu ihrem guten Ende zu führen. Erzählen wir aber besser der Reihe nach.

Am Anfang war die Raumnot

Bereits im Schuljahr 1990/91 hatte die Schülerzahl am GG mit 1076 Schülerinnen und Schülern einen Stand erreicht, dass Schüler in drei Klassen über kein eigenes Klassenzimmer verfügten und somit als Wanderklassen ihren Schulalltag bewältigen mussten. In den darauffolgenden Schuljahren wurde die Kapazitätsgrenze der Schule sukzessive erreicht, mit sechs Klassen ohne eigenes Klassenzimmer und drei Wanderklassen und einem Defizit von 13 Klassenräumen; stets stand das GG somit an der Schwelle zum Schichtunterricht. Es spricht für den Schulleiter Rupert Lienert und seine Weitsicht, dieses kontinuierliche Anwachsen der Schülerzahl im gesamten Landkreis und besonders am GG, bedingt durch den starken Zugang in den Anfangsklassen, schon im Ansatz erkannt und die logischen Schlussfolgerungen für das GG gezogen zu haben. Er wies hartnäckig anhand detaillierter, in akribischer Kleinarbeit zusammengestellter Statistiken und im Rahmen vieler Briefwechsel mit schulischen und politischen Entscheidungsträgern auf diesen Trend hin, den Sachverhalt betonend, dass die seiner Meinung nach unbedingt erforderliche Erweiterung des Gymnasiums nicht das Ziel hätte ein außerordentliches, pädagogisch nicht wünschenswertes Anwachsen der Schülerzahlen zu ermöglichen, sondern ausschließlich dem demographischen Zwang folge. Somit stand ein Interesse im Vordergrund: die Sicherstellung eines in jeder Hinsicht qualitativ hochwertigen Unterrichts für die Schülerinnen und Schüler des GG. Nur eine Reaktion auf diese ersten Schritte der Schulleitung sei mit dem Schreiben des Ministerialbeauftragten für die Gymnasien in Oberbayern-Ost, Dr. Bernhard Heinloth, dokumentiert, der es im Juni 1996 angesichts der "drängenden Raumprobleme" des GGs für geboten hielt, die geplanten Baumaßnahmen "baldigst" zu realisieren, um die "Überlastungskatastrophe", wie es der Schulleiter einmal formulierte, noch abzuwenden.

Eine herausragende, gemeinsame Leistung

Was nun folgte, stellt sich in der Retrospektive als ein Ereignis dar, das in Bayern seinesgleichen sucht. Der Festakt in der Stadthalle Grafing anlässlich der Einweihung des Erweiterungsbaus am 15. Oktober diesen Jahres offenbarte aufschlussreiche Einblicke in die näheren Umstände von dessen Entstehungsgeschichte: Übereinstimmend - und mit einer unüberhörbaren Spur von verwunderter Begeisterung, die wohl zu recht stets dann eintritt, wenn scheinbar Unmögliches geleistet wurde - sprachen die verschiedenen Grußworte von einem "großartigen gemeinsamen Werk" (Landrat Hans Vollhardt), einer "herausragenden gemeinsamen Leistung" (Bianka Poschenrieder, Vorsitzende des Elternbeirats), einer "in Bayern einmaligen Kooperation" (Erwin Horak, ehem. Vorsitzender des Schulvereins) sowie von einer "beeindruckenden Zusammenarbeit" (Elke Zimmermann, Stefan Hübner, Schülersprecher) von Schulleitung, Eltern, Förderverein und Politik, und nicht nur dies: Die Häufigkeit der Verwendung der Begriffe 'Entschlossenheit', 'Mut', 'Geduld', 'Hartnäckigkeit' und 'Nachdruck' hätte mühelos für einen sofortigen Eintrag ins Guiness-Buch der Rekorde genügt. Es stellt sich somit die Frage, wie es im Fall der Entstehungsgeschichte dieses Erweiterungsbaues zu solch euphorischen Einschätzungen kommt.

So fing es an ...

Um die Protagonisten also kurz in ihrem Handeln vorzustellen und um den Vorgang kurz zu skizzieren: In seiner Sitzung am 30. April 1997 hatte der Kultur-, Schul- und Sportausschuss des Landkreises Ebersberg einmütig einer baulichen Erweiterung des Gymnasiums zugestimmt und die Planung in Auftrag gegeben. Wegen fehlender Haushaltsmittel beziehungsweise anderer schulischer Prioritäten sollte der Baubeginn jedoch erst im Herbst 1999 erfolgen, oder um es anders zu sagen - hier wollte jemand bauen, der kein Geld besaß, der Ebersberger Landkreis. Und hier schließt sich gewissermaßen der Kreis, der den literarisch-metaphorischen Rückgriff auf die Schweizer Nationalgeschichte wohl rechtfertigt. In einer beispiellosen Initiative wurde die Sache auf einem außergewöhnlichen Weg in die Hand genommen. Dies heißt konkret, dass der Elternbeirat des Gymnasiums, gemeinsam mit dem Förderverein, den Lehrkräften und Schülern einen Betrag von 150.000 DM sammelte, mit dessen Hilfe die Finanzierung des Bauvorhabens durch den Landkreis als Bauherr bereits zwei Jahre früher gesichert war. Diese einzigartige Spendenaktion, der sich darüber hinaus auch Geschäftsleute und Künstler des Landkreises anschlossen und die die enge Verbundenheit der Eltern mit "ihrem" Grafinger Gymnasium eindrucksvoll bestätigt, verfehlte ihre Wirkung auf der politischen Ebene nicht, selbst wenn der Landrat Hans Vollhardt bei seiner Rede den anwesenden 150 Gästen augenzwinkernd zu verstehen gab, es sei eigentlich nichts anderes gewesen als eine "charmante Erpressung" durch die Elterninitiative. Dass eine solche Aktion koordiniert und immer wieder vorangetrieben werden muss, versteht sich von selbst. Es wurden Spendenquittungen ausgestellt, was die Bereitschaft zu spenden wesentlich erhöhte.
Von entscheidender Bedeutung aber war hierbei das persönliche Engagement des Schulleiters Rupert Lienert. Von eigener Spendenleistung einmal abgesehen, gelang auf sein Betreiben die nachhaltige Mobilisierung der Elternschaft und ebenso der Wirtschaft durch ständige persönliche Gespräche und nicht zuletzt auch aufgrund sehr entschlossen formulierter Spendenaufrufbriefe, die nicht selten Empfangsbestätigungen enthielten, eine, um es vorsichtig auszudrücken, juristisch recht ungewöhnliche, aber eben auch sehr erfolgreiche Maßnahme. Dass die Eltern als Träger dieser Initiative eine besondere Bedeutung für die Schule haben, unterstrich der Schulleiter in seiner Rede mehrfach. Sie seien die "moralische Instanz", das unverzichtbare "breite, kräftige Fundament der Schule".
Und um der Chronik hiermit Genüge zu tun: Pünktlich zum Schuljahresbeginn im September konnte das funktionale, zeitgerechte und wohnliche Gebäude des Architekten Martin Hubner in seiner charaktervollen Bescheidenheit termingerecht bezogen werden und mit ihm 13 neue Klassenräume, zehn Arbeitsräume sowie zwei Vortragsräume. Ein Schulschiff war hier vor Anker gegangen, empfangen mit den herzlichsten Glückwünschen sowohl für den umsichtigen Kapitän und die engagierten diensthabenden Offiziere als auch für die momentanen und zukünftigen Matrosen.

Schulkultur und Schulqualität

Bleibt die Frage nach den weitergehenden bildungspolitischen Zusammenhängen dieses einzigartigen Projekts. In ihrem Schreiben zur 'Bildungsoffensive Bayern. Für die Zukunft unserer Kinder' vom Oktober dieses Jahres umriss die Bayerische Staatsministerin für Unterricht und Kultus, Monika Hohlmeier, den Rahmen für die Schulreformen in Bayern. Es seien alle gefordert, die an Bildung und Erziehung beteiligt sind, Schule und Elternhaus, Jugendhilfe und Wirtschaft, Vereine und Verbände, Kirchen, Verwaltung und Politik - sie alle müssten mit vereinten Kräften an einem Strang ziehen und deshalb seien Dialogbereitschaft und Solidarität das Gebot der Stunde. Und gerade dies: Die vorzeitige Verwirklichung des Erweiterungsbaues des GG zeigt, dass die Protagonisten und alle an diesem Projekt Beteiligten den Inhalt des ministeriellen Schreibens gekannt zu haben scheinen, noch lange bevor das Schreiben selbst entworfen war. Weitaus wahrscheinlicher als das Vorhandensein beneidenswerter prophetischer Fähigkeiten scheint jedoch hier die Tatsache gewesen zu sein, sich um die Qualität von Bildung und Ausbildung und um die Lebenschancen junger Menschen Sorgen gemacht zu haben; jedenfalls trifft die Durchführung des Bauprojekts wesentliche Intentionen der Bildungsoffensive Bayern in nahezu vollem Umfang. Die von der Staatsministerin geforderte Verbesserung der Unterrichts- und Schulqualität: im Falle dieses Erweiterungsbaues wird sie hier erfüllt; die ebenfalls gewünschte Verbesserung der Schulkultur einschließlich der Förderung des schulischen Zusammenlebens: hier erhält sie eine Chance und wird Wirklichkeit; der Wunsch schließlich nach einer verstärkten Zusammenarbeit von Schule und Elternhaus: dies wurde am GG bei diesem Bauprojekt bereits eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Die Möglichkeiten berücksichtigend, die sich allein unterrichtstechnisch durch den neuen Erweiterungsbau ergeben, das beispielhafte organisatorische Engagement bedenkend, mit dem hier ein den Schulalltag stark beeinträchtigendes Raumproblem gelöst wurde, sowie auf die Langzeitwirkung der Freude bei Schulleitung, Eltern und Schülern vertrauend in dem Bewusstsein, etwas scheinbar Unmögliches geschafft zu haben, wird diese Erweiterung des Gymnasiums Grafing in kommender Zeit ein entscheidender Beitrag sein zur Sicherstellung und Verbesserung der Schulqualität und als Beispiel dienen können für die entschlossene Umsetzung der derBildungsoffensive Bayern.
Bildungsoffensive Bayern.

Richard Meisinger